Nummer 3 der Bildungselite

 

 

Mit einem flauen Gefühl im Magen stand ich vor dem Tattooladen.

Es war nicht mein erstes Tattoo, keineswegs.

Ich bin zugepflastert mit Tattoos und heute ist die letzte Sitzung von meinem größten Bild.

Iggy trat aus dem Laden und grinste frech zu mir herüber.

"Hey Riku! Träumst du? Dakota wartet schon auf dich, bist etwas spät dran, oder?", nebenbei bot er mir einen Glimmstängel an und ich musste unwillkürlich grinsen.

Dieser Typ hat so eine Art an sich, die einen einfach mitreißt, ob man will oder nicht.

Er geht alles immer so locker läßig an und das mag ich so an Iggy.
 

Beispielsweise will er seiner Freundin einen Antrag machen und will sie dafür an den Strand bringen, wo sie sich das erste Mal getroffen haben.

Jeder normale Typ würde sich jetzt einen riesen Kopf machen, wie er es am besten einfädelt und aufbaut, doch Iggy wäre nicht Iggy, wenn er so reagieren würde...

Er wir ein Gespräch mit ihr anfangen und in einem kleinen Nebensatz die Frage einfließen lassen, so als würde er sagen wollen "schönes Wetter heute, nicht?". Je nachdem, wie sie darauf reagiert wird er ihr dann den Ring zeigen, den er als Vorsteckring gekauft hat ( er war mit Dako und mir beim Juwelier und wir haben uns als schwules Pärchen ausgegeben, auch eine lustige Story, doch das gehört nun nicht hier hin) und sie nochmal richtig und förmlich fragen.

Ich bin schon echt gespannt wie sie reagieren wird.
 

Dakota und er sind Arbeitskollegen und ich war der erste dem Dako, mein bester Freund, etwas stechen durfte. Der Junge macht seinen Job gut und darum stand ich auch heute vor dem Schaufenster, doch diesmal haderte ich mit mir selbst.

Um Zeit zu schinden nahm ich eine Fluppe entgegen und setzte mich mit Iggy auf die leicht hervorstehende Fensterbank vom Laden.

"Biste immer noch nicht mit dem Text fertig?", fragte Iggy und zündete uns die Kippen an.

Ich grinste nur und schüttelte den Kopf.

"Denke du musst Dako mal ein bisschen Beine machen, Iggy.

Sonst komme ich hier in drei Jahren noch hin und habe erst drei Schriftzeichen."

Der junge Tattoovierer lacht und mustert mich von der Seite, dann klopft er mir leicht auf die Schulter.

Es ist eine rührende Geste, denn er hat genau gespürt was in mir vorgeht und bestärkt mich damit.

Iggy sieht mich interessiert an, ehe er seine nächste Frage stellt. "Und? Was genau hast du dir denn für einen Text ausgesucht?"

Ich lächel und fahre läßig mit einer Hand durch meine schwarzen zerzausten Haare:

"Es ist ein Text der für mich persönlich eine unglaublich starke Bedeutung hat und ich werde nur wenigen Menschen erklären, warum und welche Bedeutung das ist. Dako zum Beispiel weiß es.

»Die wichtigsten Dinge lassen sich am schwersten sagen,

es sind die Dinge deren man sich schämt.

Sie lassen sich so schwer sagen,

weil Worte sie kleiner machen.

Sind sie einmal ausgesprochen lassen Worte die Dinge,

die dir in deinem Kopf grenzenlos vorkamen,

zu ihrer wahren Bedeutung schrumpfen.

Die wichtigsten Dinge sind deinen geheimsten Wünschen zu nahe,

wie Zeichen in der Landschaft, die deinen Feinden zeigen, wo dein Schatz vergraben liegt.

Du machst vielleicht Enthüllungen die dir schwer fallen und dein einziger Erfolg ist, dass die Leute dich verwundert ansehen und überhaupt nicht verstehen, was du gesagt hast oder warum du es für so wichtig hieltest, dass du fast weintest, als du es sagtest.

Ich finde, dass ist das Schlimmste.

Wenn man ein Geheimnis für sich behalten muss, nicht, weil man es Niemandem erzählt,

sondern weil es Niemand versteht.«"

Ich sage den Text mitunglaublicher Ausdruckskraft und Iggy lauscht mir fasziniert.

"Schöner Text...", entgegnet er und nimmt noch einen Zug. Der Rauch der Zigarette beißt mir leicht in die Nase und ich selbst rauche auch noch eine Weile.

"Ist von Stephan King und wenn ich diese Stelle lese muss ich jedes Mal schlucken oder weinen, weil dieser Mann es verstanden hat, was in mir vorgeht."

Aus dem Augenwinkel sehe ich das Nicken von Iggy und rauche jetzt selbst meine Kippe.
 

Die Türklingel schellt leise und Dakota gesellt sich zu uns.

"Ach! Hier bist du!", er sieht mich mahnend an. "Jetzt hab ich bestimmt die Hälfte von meinem Handyguthaben verprasst, weil ich nicht wusste was los ist und du sitzt nur fünf Meter entfernt und rauchst..."

Ich lache und halte ihm meine Kippe hin.

"Wir sind halt Suchties und Sünder,

komm mit in die Hölle und nehm einen Zug."

Dakota grinst und schon wird das eben noch ernste Gesicht zu dem eines Engels.

Ich grinse innerlich, weil es zutrifft. Sein Tattoo, dass seit ein paar Monaten auf seinem Rücken prangt sind zwei große Flügel.

Er hat sie sich nachdem Unfall stechen lassen, zur Erinnerung an seinen toten Freund.

Wir reden nie darüber, es herrscht zwischen uns soetwas wie, ein stillschweigende Übereinkunft, wir reden nur, wenn der Andere was wissen möchte und ich habe mir angewöhnt ihn nicht zu Fragen.

Geistesabwesend streicht Dako sich über die Stelle wo die Narbe vom Unfall noch gut zu sehen ist.

Dako denkt wieder an ihn...

Schnell entscheide ich, dass die Stimmung gerettet werden muss.

Ich zücke mein Handy, suche ein Lied raus und lasse es abspielen.

Als ich Dakos Grinsen sehe, weiß ich, dass ich die Situation gerettet habe.

Dako wäre sonst wieder in seine Depriphase abgedrifftet und ich, als guter Freund und Helfer (und dabei bin ich ein Anti-Polizist) habe eben Dies verhindert.

(1)

Es ist unser Song, wenn man so will.
 

In einer Diskothek, es war schon nach zwölf Uhr, saß Dakota alleine am Thresen und ich war betrunken und der festen Überzeugung, die hübscheste Frau vor mir zu haben, die ich je gesehen habe.

Also habe ich angefangen Dako anzugraben und er lacht heute noch, wenn er daran zurückdenkt.

Gerade, als ich ihn nach seiner Handynummer fragen wollte, da klingelten unsere Handys zeitgleich los und wir hatten Beide dieses Lied als Klingelton. Nach einem ersten verwunderten Blick und einigen Lachanfällen entschieden wir, dass wir jetzt einfach Kumpels sein müssten und Dako klärte mich auf, dass er ein Typ war.

Nach dem ersten Treffen kam er dann etwa drei Monate später in meine Klasse, wegen übelster Mobbingattacken in seiner alten Schule.

Glück für uns, denn seither verbringen wir praktisch jede freie Minute miteinander.

Er der Möchtegernstreber und ich der Klassenclown mit best Noten...
 

"Unser Lied!", Dako stubst mir mit dem Ellebogen in die Seite. "Dir ist klar, dass wir zu dem Lied heiraten müssen, ja?"

Ich lache und stubse etwas fester als er eben zurück.

"Klar, Engelchen,

was immer du willst!

Solange du im Kleid vor den Altar trittst ist der Rest für mich nebensächlich."

Wir grinsen schelmisch.

Dafür liebe ich diesen Jungen, ich kann bei ihm so verrückt und durchgeknallt sein, wie ich will, er geht immer mit.

"Soll ich den Roman zu Ende schreiben?"

Dakota sieht mich fragend an und wirft das Überbleibsel der Kippe auf die Straße.

"Alter!", starte ich einen Protest und schaue zu, wie der Rest der Fluppe von einem Lkw überfahren wird.

"Ich wollte auch noch was ab haben!"

Iggy prustet los. "Dann darfst du Dako deine Kippe nicht überlassen Memo, der verschlingt die schneller als du gucken kannst."

Seufzend lehne ich mich an die kalte Fensterscheibe. "Na großartig! Hör gefälligst auf zu rauchen!"

"Warum? Damit mehr für dich da ist?", mein bester Freund grinst frech und steckt mir die Zunge raus.

"Genau!"

Wir bleiben noch etwa eine Halbestunde sitzen, blödeln herum und dann begeben wir uns nach Drinnen.
 

Heute weiß ich nicht mehr, warum ich gezögert habe den Laden zu betreten,

aber ich weiß, dass das Tattoo großartig geworden ist und das es für mich wohl nie einen besseren Freund geben wird, als Dakota.
 

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(1) Hier ist das Lied, um welches es in der Geschichte geht:

http://www.youtube.com/watch?v=ru7M2dLkN4A&feature=related

15.2.11 10:08

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